Heute und für uns wenigstens!
Wir jedenfalls empfinden das Gebirge fast immer und in all seinen Erscheinungsformen
und in allen Launen des Wetters als schön. Vielleicht weil es uns einer der stärksten Eindrücke ist.
Schon die Größe des Berges übt ihre Wirkung und das Große und Überwältigende steht in den
seelischen Bezirken nicht weit vom Schönen. Besonders der Mensch des flachen Landes liebt es,
zum Berg aufzuschauen.
Schon der Berg an sich wird meistens mehr oder weniger als schön gewertet, wobei dieses Werturteil bei
den einzelnen quantitativ wie qualitativ sehr Verschiedenes bedeuten kann. Dies ist eine verhältnismäßig
neuzeitliche Einstellung. Das ganze klassische Altertum konnte »den Berg« nicht leiden
und dem frühen Mittelalter ging es nicht anders.
Die heutige Bewunderung der Schönheit der Berge ist aber ganz und gar bezeichnend für den
Nicht-Bergbewohner, denn für den, der zwischen den Bergen lebt, sind die Berge die Heimat und als solche von einer
selbstverständlichen, wohl empfundenen, aber nie mit Worten erwähnten Schönheit
die auf einer ganz anderen Gefühlsebene liegt als die ästhetische Begeisterung des Städters und Bewohners
des flachen Landes.
Alles Große, der Schwung der Linien des Bergkammes, das endlose steinerne Meer der
Aussicht, die in den Himmel steigende Wand, die wilde weiße Öde des Gletschers
alles das, was der Fremde am meisten bewundert, ist dem Gebirgler
tägliche Selbstverständlichkeit.
Beide, Bergler und Bergsteiger, lieben die Berge jeder auf seine Art. Der eine stellt die
Form über den Inhalt, der andere den Inhalt über die Form. »Die Schönheit der Berge« sucht und sieht der
Reisende »die Schönheit in den Bergen« liebt und erlebt der Bergbewohner, der
Bergsteiger, der immer wieder kommt, dem die Berge die zweite Heimat, Wahlheimat des
Herzens geworden. Je älter man wird, je länger man in und mit den Bergen lebt, um so mehr schärft sich der Blick
für die kleine Schönheit, um so mehr freut man sich, ihr zu begegnen.