
Flugrettung Lienz
Einsatzbericht 1995
Ein ganz normaler Arbeitstag bei der
Flugrettung Lienz (Nikolsdorf):
31. Juli 1995
11:12 Uhr - 12.14 Uhr:
Start in Richtung Matrei. Im Landeckwald oberhalb der Felbertauernstraße
wird einem jungen Arbeiter beim Holztransport der Kopf abgerissen, weil
eine Seilumlenkung reißt.
Trotz jahrelanger Erfahrung ist dieser Anblick schockierend. Die Bergung
muss in unmittelbarer Nähe des Holztransportseiles mit dem 10 m Bergeseil
durchgeführt werden.
16:14 Uhr - 17:02 Uhr:
Am Goldeck wird ein Urlauberkind von einer Kreuzotter gebissen. Das Kind
wird bereits versorgt übernommen und in das KH Spittal/Drau geflogen. Am
Rückflug wird MARTIN 6 zu einem Mountainbikeunfall auf das Zettersfeld
gerufen. Die Verletzung erweist sich als leicht, der Patient fährt mit
einem PKW ins Tal.
17:50 Uhr - 18:40 Uhr:
In der Rainer Alm im Gemeindegebiet von Matrei ist ein Traktor abgestürzt,
zwei Pesonen sind verletzt. Zwischen kreuz und quer verlaufenden
Materialseilen gelingt eine Landung auf dem Güterweg. Die aus dem Traktor
geschleuderte Bäuerin wird mit erheblichen Verletzungen ins BKH Lienz
geflogen.
18:45 Uhr - 19:36 Uhr:
Noch im Krankenhaus erreicht die Mannschaft ein Hilferuf aus Amlach. Ein
Bauarbeiter war bei einem Rohbau in den Kellerschacht gestürzt. Der
Schwerverletzte wird mit dem 20m Seil aus dem Keller geborgen.
19:44 Uhr - 22:35 Uhr: Während der Übergabe im BKH Lienz kommt die
Anforderung aus Kötschach-Mauthen, dass auf der Mauthner Alm eine
Urlauberin einen komplizierten Beinbruch erlitten hätte. Dieser Einsatz
kann nicht geflogen werden, denn gleichzeitig kommt ein Hilferuf von der
Essener Rostocker Hütte, am Umbalkees sei eine Frau in eine
Gletscherspalte gestürzt. Sofort wird die notwendige Ausrüstung von der
FEST geholt, und ab geht's in Richtung Maurertal. Bei der Hütte sind noch
drei Bergführer und der Hüttenwirt zum Mithelfen bereit.
An der Unfallstelle in 3.100 m Seehöhe ist um diese Zeit der Schnee so
aufgeweicht, dass wir nur angeseilt vom Landeplatz zur Spalte gelangen.
Dort finden wir ein vorschriftsmäßig verankertes Seil vor, welches in die
Spalte führt. Aus der Spalte dringen schwache Hilferufe, zu sehen ist
nichts. Wir ziehen einmal kräftig an diesem Seil und liegen gleich am
Rücken. Der Vorderste bekommt vom herauf schnallenden Karabiner einen
Kinnhaken, das Seil war bei der Abgestürzten ausgerissen. Sofort wird der
Flugretter in die Spalte abgelassen. Er kann die Verunglückte in ca. 15 m
Tiefe eingeklemmt vorfinden und sie an ihrem Klettergurt fixieren. Sie
liegt jedoch unter einem Eisklemmblock, welcher in einstündiger
Schwerstarbeit mit dem Presslufthammer weggemeißelt werden muss. Um 21.10
Uhr wird die Frau dem Notarzt am Spaltenrand übergeben, sie hat noch eine
Körpertemperatur von 28 Grad und ist nicht ansprechbar.
Sofort fliegt man sie ins BKH Lienz, wo wegen der Umlagerung nur mehr 26
Grad gemessen werden. Die Bergemannschaft wird um 22.00 Uhr bei Mondschein
vom Gletscher geholt, um 22.35 Uhr landet der Hubschrauber nach
großartiger fliegerischer Leistung wieder auf der FEST Lienz.
Noch in der Nacht wird in Erfahrung
gebracht, dass es der Frau im Krankenhaus bereits besser geht, und schon
am nächsten Tag besucht dieselbe Bergemannschaft die Verunglückte am
Krankenbett.
Ein schönes Gefühl, wenn man mit
einer Totgeglaubten sprechen und ihre Dankesworte entgegennehmen kann. |