
Flugrettung Lienz
Einsatzbericht 1998
Mit Ablauf eines
jeden Kalenderjahres werden von der Flugeinsatzstelle statistische Daten
an das BMfl und an die Tiroler Landesregierung gemeldet. Dieses nüchterne
Zahlenmaterial mag für einen Außenstehenden oft nicht viel Aussagekraft
haben, zeigt aber doch, dass der Rettungshubschrauber Martin 6 fast
täglich mehrmals zum Einsatz kommt.
Die Bandbreite der
Einsätze ist vielfältig. Vorwiegend sind es aber doch Rettungseinsätze im
hochalpinen Bereich von Osttirol, Oberkärnten und fallweise auch im
südlichen Landesteil des Bundeslandes Salzburg. Wie vielfältig ein solcher
Einsatztag sein kann, soll ein Tagesablauf eines Flugretterdienstes
aufzeigen.
Dienstbeginn um 7.30
Uhr; Morgencheck an der Ausrüstung, den Rettungsgeräten und am
Notarztrucksack; um 8.15 Uhr Materialtransportflüge vom Felbertauern
Südportal zum Messelingkogel für das Amt der Tiroler Landesregierung;
13.00 Uhr Rettungseinsatz in Obertilliach, wo ein Arbeiter durch eine
berstende Trennscheibe einer Flex schwer verletzt wurde; um 15.00 Uhr
neuerlich Materialtransport vom Messelingkogel zum Felbertauern-Südportaf.
Es schien so, als ob dieser schöne Frühsommertag ohne weitere
Anforderungen zu Ende gehen würde. Doch dem war nicht so. Um 18.00 Uhr
langte die Meldung über einen Segelfliegerabsturz im Bereich des Ederplan
ein. Sofort startete Martin 6 und flog in das angegebene Einsatzgebiet.
Nach kurzem Suchflug konnten östlich vom Ederplan in felsigem Gelände
weiße Flecken gesichtet werden. Das waren tatsächlich abgerissene Teile
eines Segelfliegers und bei der näheren Betrachtung dieser Teile konnte
auf einer abgerissenen Tragfläche auch das Kennzeichen des vermissten
deutschen Segelfliegers ab gelesen werden. Schließlich wurde zwischen den
Wrackteilen auch der Pilot in einer Felsrinne ausgemacht, doch für diesen
kam jede Hilfe zu spät. Es wurde dann eine weitere Tragfläche gesichtet
und zur Verwunderung aller war auf dieser Tragfläche das Kennzeichen eines
österreichischen Segelfliegers abzulesen. Was ist hier geschehen ? War das
eine Kollision zweier Segelflieger? Tatsächlich, hinter einem Hangrücken
lag der Rumpf des österreichischen Segelfliegers und unweit davon auch der
Pilot, welcher vermutlich mit dem Fallschirm abspringen wollte. Auch für
diesen Piloten kam jede Hilfe zu spät. Es erfolgte eine Zwischenlandung
zur Vorbereitung des Seilfluges zur Leichenbergung. Während dieser
Vorbereitung kam aber eine neuerliche Anforderung zu einem Alpinunfall
beim Zunigsee.
Dort musste eine
Bergsteigerin wegen eines Knöchelbruches geborgen und in das
Bezirkskrankenhaus Lienz geflogen werden. Schon beim Anflug zum BKH Lienz
wurde Martin 6 zu einem weiteren Suchflug im Bereich des Reißkofels bei
Kötschach/Mauthen angefordert. Dort wurde ein Absturz eines Segelfliegers
vermutet, da im Gelände helle Flecken zu erkennen waren. Es stellte sich
heraus. dass diese "hellen Flecken" aber nur durch den Regen der Vortage
abgewaschene Steine waren, die in der Abendsonne heller wirkten.
Zurück zur
Einsatzstelle und dort warteten schon die Erhebungsbeamten für die
Erhebungen zum Segelfliegerabsturz am Ederplan/Ziethenkopf. Schließlich
landete Martin 6 um 21.00 Uhr wieder bei der Einsatzstelle und man begann
mit dem Zusammenräumen. Noch während der Flugretter seine Sachen aus dem
Hubschrauber nahm, schallte erneut ein Einsatzruf zu einem Kletterunfall
beim Klettergarten in Amlach. Beim Anflug war es schon stark dämmerig und
ein Landen in der Nähe der Unfallstelle war unmöglich. Hoher und dichter
Wald lieb einen Bergeseilflug nicht zu, und so musste der Flugretter bei
einem Schotterkar samt Gepäck vom Hubschrauber in die steile Schotterrinne
abspringen. Auf der Unfallstelle war dort schon der Notarzt des Roten
Kreuzes Lienz vor Ort und so wurde dieser vom Flugretter bei der
Reanimation der abgestürzten Frau unterstützt.
Zwischenzeitlich war
es finster geworden und man musste sich wegen Ermangelung von
Taschenlampen mit dem Licht des Laringoskops behelfen. Die Reanimation
musste schließlich erfolglos abgebrochen werden. Für die Bergung der
Leiche wurde die BRD-Lienz angefordert. Noch während des Anmarsches der
BRD-Mannschaft langte vom Tristachersee-Hotel eine Abgängigkeitsmeldung
ein, wonach ein Ehepaar von einer Bergtour auf den Rauchkofel nicht
zurückgekehrt sei. Bei der im Bereich des Klettergartens abgestürzten Frau
konnte der Ausweis des als abgängig gemeldeten Touristen vom Tristachersee
Hotel gefunden werden. Somit konnte diese Frau mit dem abgängigen
Touristen in Zusammenhang gebracht werden, doch von diesem fehlte jede
Spur.
Nun wurde von der BRD
Lienz eine Suchaktion durchgeführt. Erst am frühen Vormittag des nächsten
Tages konnte der Mann der tödlich abgestürzten Frau auf dem Salzsteig des
Rauchkofels tot aufgefunden werden.
Es gibt in einem
Einsatzjahr wohl eine Vielzahl solch ähnlicher Einsatztage,
stellvertretend für alle wurde eben dieser 9. Juni 1998 aufgezählt. Es
soll damit aufgezeigt werden, dass oft innerhalb weniger Stunden mehrere
Einsätze anfallen, wo der Besatzung des Martin 6 kaum Zeit zum
Verschnaufen bleibt.
Lois Riepler
Flugrettersprecher
im Jahr 1998 |